Zum Inhalt springen
~/scl-ki.de
GESCHRIEBEN // 3 Min

Ein Gedächtnis für KI-Agenten

Jede KI-Sitzung fängt bei null an — es sei denn, das Wissen liegt in einem gemeinsamen Notizarchiv. Über Obsidian als Gedächtnis und die Frage, was dort hineingehört.

Wer mit KI-Assistenten an Projekten arbeitet, kennt das Ritual: Jede neue Sitzung beginnt mit einem Gedächtnisverlust. Der Agent kennt das Projekt nicht, kennt die getroffenen Entscheidungen nicht und schlägt Lösungen vor, die vorige Woche aus gutem Grund verworfen wurden. Man kann das als Natur der Sache hinnehmen — oder man baut dem Agenten ein Gedächtnis. Dieser Artikel beschreibt das hier verwendete, erstaunlich unkomplizierte Modell: ein Obsidian-Notizarchiv.

Das Archiv als gemeinsamer Speicher

Die Grundidee ist, dass der Speicher nicht zum Werkzeug gehört, sondern zum Menschen. Ein Obsidian-Vault ist ein Ordner voller Markdown-Dateien — nichts Proprietäres, nichts, das an einen Anbieter gebunden wäre. Über einen MCP-Server bekommen die KI-Werkzeuge lesenden und schreibenden Zugriff darauf, und zwar alle gleichermaßen: Was der eine Agent an einem Projekt festhält, kann der andere am nächsten Tag abrufen, ohne dass etwas kopiert oder exportiert werden muss.

Damit das funktioniert, braucht das Archiv Ordnung. Jede Notiz trägt ein festes Frontmatter mit Typ, Datum und Verschlagwortung, und jede Notiz verlinkt per Doppelklammer auf die Projekte und Konzepte, die sie berührt. Das klingt nach Bürokratie, ist aber die Voraussetzung dafür, dass ein Agent — oder ein Mensch in sechs Monaten — eine Notiz einordnen kann, ohne die ganze Sitzung zu kennen, aus der sie stammt.

Was hineingehört — und was nicht

Die wichtigste Regel des Systems ist eine negative: Nicht alles gehört ins Gedächtnis. Projektspezifisches bleibt im Repository des Projekts, denn dort wird es gebraucht und dort veraltet es am langsamsten. Zwischenstände und laufende Arbeit gehören nirgendwohin, sie sind nach Abschluss der Sitzung Makulatur. Und Zugangsdaten gehören grundsätzlich in keinen Notizspeicher, egal wie bequem das wäre.

Was bleibt, ist erstaunlich wenig und erstaunlich wertvoll: Infrastruktur-Fakten, die überall gelten. Architektur-Entscheidungen — aber immer mit ihrer Begründung, denn eine Entscheidung ohne Grund lässt sich später nicht mehr bewerten. Gelöste Probleme, deren Lösung nicht offensichtlich war. Und bestätigte Präferenzen, damit derselbe Geschmacksstreit nicht zweimal geführt wird. Als Faustregel hat sich bewährt: Gehört es in ein Git-Repository, gehört es nicht in das gemeinsame Gedächtnis.

Was sich geändert hat

Der spürbare Unterschied ist nicht, dass die Agenten klüger geworden wären. Der Unterschied ist, dass sie aufhören, dieselben Fehler zu wiederholen. Ein einmal dokumentierter Fallstrick — eine Deploy-Falle mit Dateirechten, ein Timing-Problem bei der Hydration — kostet genau einmal Zeit, danach steht er in der Fehlerdokumentation und wird von Anfang an berücksichtigt.

Eine zweite, leisere Änderung betrifft das eigene Arbeiten: Wer am Ende einer Sitzung aufschreiben muss, was der Stand ist, arbeitet während der Sitzung anders. Die Pflicht zur Dokumentation ist zugleich eine Pflicht zur Klarheit — und die hilft dem menschlichen Gedächtnis mindestens so sehr wie dem künstlichen.

Ein Vorhaben, das gebaut werden will?